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Stein-Zeit
Von Goethe wird berichtet, dass er sich selbst während der mühseligen und
letztlich unrühmlich ausgegangenen „Campagne“ der Alliierten gegen die
französische Revolutionsarmee im Herbst 1792 in das gewohnte Studium der
Naturphänomene vertieft habe. Was auf den ersten Blick erstaunen mag,
verwundert auf den zweiten weniger, hat doch Manfred Koch jüngst dieses
gelassene Studium der Naturphänomene als eine „symbolische Gebärde“
bezeichnet, die zeige, „wie winzig und bedeutungslos die chaotische
menschliche Handlungswelt sich ausnimmt, sieht man sie vor dem Hintergrund
der gewaltigen Ordnung der Natur.“
Den Basler Photographen Christian Baur mögen ähnliche Gedanken umtreiben,
sind doch Gestein und Steinernes schon seit Jahrzehnten ein Leitmotiv seiner
Arbeit. So erscheint es nur folgerichtig, dass er unter dem Motto „Steine
sind Datenspeicher“ in der Galerie Hutter und Wirth eine Auswahl aus diesem
Fundus präsentiert.
Diese Auswahl ist selbst eine (Erd)Geschichte in Bildern, reicht sie doch
von der noch halb flüssigen Lava und der ungestalten, schrundigen
Gesteinskruste am Kraterrand des Ätna, wo Stein, Rauch und Himmel fast
ununterscheidbar ineinander übergehen bis zu architektonischen Höhepunkten
wie den Bauten der englischen Gotik, für die beispielhaft Baurs 1993
entstandene Aufnahme der Kathedrale von York steht.
Dazwischen spannt sich der Bogen von Motiven, in denen Natur und Architektur
verschmolzen zu sein scheinen, wie dem indianischen Cliff Palace in Mesa
Verde oder den Details von Antoni Gaudis Sagrada Familia, die die Idee der
unmittelbaren Herkunft der gotischen Architektur von Naturformen suggestiv
veranschaulicht. Essentielle plastische Setzungen wie die Menhire im
bretonischen Carnac erscheinen neben gewissermassen „natürlicher“ und von
Menschenhand geschaffener Skulptur wie den beeindruckenden Felsformationen
des Monument Valley und Porträtplastiken venezianischer Dogen. Architektur
und Skulptur begegnet uns in den Aufnahmen Baurs in der Vielfalt ihrer
Funktionen: Es sind Bauten, die einen prominenten Platz im menschlichen
Leben einnehmen wie der Dom von Orvieto, oder solchem, die die Sphäre des
Tod markieren wie das Agrigenter Arcosolgrab, die Mantuaner Grabmonumente
oder die Unzahl der anonymen Kreuze auf dem normannischen Soldatenfriedhof.
Wie die Reliefs an der Diokletianschen Dezennalienbasis, deren Aufnahmen
selbst am Beginn von Baurs photographischem Arbeiten stehen, legen auch sie
Zeugnis ab von menschlicher Existenz. Am Ende stehen Bilder des Verfalls der
menschlichen Artefakte, die wie der Atlant des Zeustempels von Agrigent
beinahe schon in der natürlichen Umgebung aufgehen, womit man wieder am
Beginn der Bilderzählung angelangt ist und der Zyklus von Neuem beginnen
könnte.
Dieses ausdrückliche Interesse an den – im Stein durch natürliche Prozesse
oder von Menschenhand eingeschriebenen – Spuren, die sie erst zu den von
Baur zitierten Datenspeichern machen, mag auch in der frappanten Parallele
zur Photographie selbst begründet sein. Denn bedenkt man, dass die Fähigkeit
der Photographie, die sichtbaren Phänomene detailgetreu abzubilden, in ihrer
Frühzeit dem “pencil of nature” zugeschrieben wurde, so sind die Prozesse
der Einschreibung in den Stein und ins lichtempfindliche Zelluliod bzw.
Papier bei aller Verschiedenheit doch erstaunlich verwandt. Mag der eine
Prozess langwierig, aufwendig und haltbar, der andere schnell und leicht
auszulösen, dabei aber fragil sein, Datenspeicher stehen am Ende von beiden.
Heinz Stahlhut
Arbeiten von Christian Baur
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